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EXKLUSIV – INTERVIEW MIT
ALVIN LEE
Music
Scene
Part I -
Konzertbericht „Alvin Lee
& TYL“ in Winterthur, Switzerland,
August 24,
1979
von H. Raymonda
Im August 1969 überraschte
eine noch relativ unbekannte Band namens Ten Years
After Fachwelt und Publikum am dreitägigen
Woodstock – Festival. Vor allem der fünfundzwanzigjährige
Gitarrist Alvin Lee sorgte mit seinen
superschnellen Soli für Schlagzeilen. Das Weitere
ist Rockgeschichte: das Festival von Woodstock
wurde zum Mythos, und der gleichnamige Film darüber
verhalf der unbekannten Band Ten Years After zu
Superstar – Status und Alvin Lee zum legendären
Ruf, einer der weltbesten Rockgitarristen zu sein,
Zehn Jahre sind seither vergangen, und die Zeit
forderte ihren Tribut. Die Ten Years After nahmen
ein unrühmliches Ende, Alvin Lee machte ein paar
Soloalben, und nach einer zweijährigen
Schaffenspause formierte er seine neue Band Ten
Years Later.
Dies waren in etwa die
Voraussetzungen für das Konzert der Ten Years
Later vom 24. August
in Winterthur. Der Zufall wollte es, dass
dieses Open-Air-Konzert in der Steinberggasse fast
auf den Tag genau mit dem zehnten Jahrestag des
Woodstock-Festivals zusammenfiel. So war denn
manch ein Woodstock-Nostalgiker und alter TYA Fan
nach Winterthur gekommen, um sich für eine
Konzertlänge in die “gute alte Rockzeit”
versetzen zu lassen. Anzutreffen waren auch jene
Fanatiker, für die Alvin Lee nach all den Jahren
immer noch der „Grösste“ ist und die schon zu
Konzertbeginn „I’m Going Home“ verlangten;
sie hatten sich ganz am Bühnenrand postiert. Der
überwiegende Teil des Publikums waren
Schulentlassene und höchstens Zwanzigjährige,
die Alvin Lee erst durch sein Comeback mit Ten
Years Later kennengelernt hatten.
Zurück in die Zeit des Blues-Rock
Kurz nach 20 Uhr betrat die
Gruppe die Bühne. Zuerst der Schlagzeuger Tom
Compton und der Bassist Mick Hawksworth und
schliesslich Alvin Lee. Er ist noch immer der
blonde Hüne mit dem schulterlangen Haar, trägt
noch immer geflickte Jeans und spielt immer noch
seine mit Stickers beklebte Woodstock-Gitarre.
Etwas Bauch hat er angesetzt, und das Gesicht ist
leicht aufgedunsen, aber sonst hat er sich
wirklich nicht verändert. Gleich von Beginn an
legte er los, eine ungemein harte und rockige
Rhythmussection im Rücken.
Die Atmosphäre und Aufmachung des Konzerts
versetzte einen zurück in die Zeit Ende sechziger
/ Anfang siebziger Jahre, in die Zeit des
elektrischen Blues-Rock. Keine grosse Lightshow,
nur eine bescheidene Beleuchtung, keine Bühnendekoration
und künstliche Gags, nur das Nötigste stand auf
der Bühne: Verstärker, ein Gesangsmikrophon, ein
Schlagzeug. Und dann waren da drei Musiker, die
nur um der Musik und nicht um der Show willen auf
der Bühne standen. Ein Konzert in bester Jazz und
Bluestradition mit viel Improvisation und losen
Arrangements.
Die Begleitmusiker
Die neuen Begleitmusiker von
Alvin Lee sind gute Rockhandwerker, doch beide
erreichen nie den Standard ihrer Vorgänger. Nicht
dass sie technisch schlechter beschlagen wären,
doch sind beide ausgesprochene heavyrocker, denen
der Sinn für Dynamik und
für kleine stilistische Finessen
weitgehend abgeht. Der Drummer Tom Compton schlug
einen sauberen, brutalen, aber variationslosen
Beat, und sein Solo war monoton und viel zu lang.
Offensichtlich einen schlechten Tag erwischt hatte
der Bassist Mick Hawksworth, denn in regelmässigen
Abständen unterliefen ihm Fehler, und bei „I’m
Going Home“ war er mit seinen Kräften am Ende,
er konnte das horrende Tempo nur mit grösster Mühe
mithalten.
Seine schnelle, jeden Swing
vermissende Spielweise zerriss die ganze Musik der
TYL. Statt dass Mick Hawksworth mit einem ruhigen
Bassspiel die bei einem Alvin Lee dringend nötige
Ruhe in die Musik gebracht hätte, wollte
er seinem Chef punkto Schnelligkeit nichts
nachstehen und versuchte
dauernd, ihn zu überflügeln. Auch in
Sachen Sound könnte er von seinem inzwischen in
den Ruhestand getretenen Vorgänger Leo Lyons
einige Ratschläge gebrauchen. Seine Bassgitarre hätte
wohl einen guten Sound für Heavy-Metal-Rock
gehabt, niemals aber den weichen Ton für guten
Blues-Rock, wie ihn die TYA früher gespielt
hatten. Auf sein Solo hätte er ohne weiteres
verzichten können; es war ein langweiliges
schnelles Aneinanderreihen von Tönen, ohne
Einfall und Klasse.
Alvin Lee wie eh und je
Alvin Lee war von Anfang an
der uneingeschränkte Star auf der Bühne. Er
zeigte auf eindrückliche Weise, dass er von
seiner Schnelligkeit und seinem Können keine Spur
eingebüsst hat. Noch immer ist er ein blendender
Techniker und beherrscht seine Gitarre im Schlaf.
In seiner bekannten Manier entlockte er seinem
Instrument ein Solo nach dem andern, schnitt
Grimassen und Fratzen, sang und gebärdete sich in
seiner schnoddrigen Art wie eh und je. Von seinem
Charisma, das wohl in gleichem Mass zu seinem
legendären Ruf beigetragen hat wie sein
Gitarrenspiel, hat er überhaupt nichts verloren.
Und er vermag das Publikum nur schon durch seine
Ausstrahlung in seinen Bann zu ziehen. Wenn man
ihn so hörte und sah, konnte man glauben, er sei
erst gestern von Woodstock heimgekehrt.
Für viele zum ersten Mal live
Das Konzert war ohne Zweifel
ein Erfolg. Der schnörkellose Hard-Rock, dem zwar
über viele Strecken die Dynamik abging, fand beim
vorwiegend jungen Publikum grossen Anklang. Die
Mehrheit des Publikum erlebte Alvin Lee zum ersten
Mal live, sein letzter Auftritt in der Schweiz lag
fast fünf Jahre (Montreux, Alvin Lee and Co.),
der letzte in der Deutschschweiz gar 7 ½ Jahre
(Bern, Ten Years After) zurück.
Wahrscheinlich der grösste
Teil der Anwesenden kannte ihn erst seit seinem
Comeback mit Ten Years Later und deren Auftritt im
„Rockpalast“ oder bestenfalls vom zwölfminütigen
Ausschnitt aus dem Woodstock-Film. Für sie alle
war das von Alvin Lee Gebotene neu und die
erbrachte Leistung,
mangels anderer Erwartungen, gut bis hervorragend.
Weg des geringsten Widerstands
Für einen alten TYA-Fan, der
auch die Solokarriere von Alvin Lee verfolgt hat
und der die beiden oben genannten Auftritte als
Vergleichsmöglichkeit in Erinnerung hatte, war
das Winterhurer Konzert schlichtweg enttäuschend.
Mit der Gründung der Ten Years Later wollte Alvin
Lee dort weiterfahren, wo er mit seiner alten
erfolgreichen Band Ten Years After aufgehört
hatte. Der Grund dafür ist einleuchtend: Mit
seinen musikalisch erstklassigen Soloprojekten
nach der Auflösung der Ten Years After erreichte
Alvin Lee zwar gute Kritiken, aber nicht mehr den
erhofften Grosserfolg. So kam ihm die Erkenntnis,
dass die Kids „einfach
nur Rock ´n´Roll hören wollen“, die
zur Gründung der neuen Band führte. Diese
Einsicht hat schon viele alternde Rockstars vor
dem Untergang gerettet.
Grundsätzlich ist daran
nichts auszusetzen, hingegen ist die Art und
Weise, wie Alvin Lee sie in die Tat umgesetzt hat,
eher fragwürdig. Man wird den Eindruck nicht los,
dass er die erstbesten (und billigsten)
Begleitmusiker genommen hat und mit einem
minimalen musikalischen Aufwand noch einmal von
seinem alten legendären Ruf profitieren will. Was
er heute auf der Bühne bietet, ist mindestens
eine Klasse schlechter, als was er früher gemacht
hat. Die alten TYA-Songs werden zu einem Abklatsch
degradiert, den man als peinlich bezeichnen muss.
Sie werden fast auf den Ton genau kopiert (z.B.
„Good Morning Little Schoolgirl“, „Help me“),
mit dem einzigen Unterschied, dass die
Begleitmusiker immer im Schatten ihrer Vorgänger
stehen. Alle Soli von Alvin Lee hat man schon
einmal gehört, man hätte auch ohne weiteres an
der richtigen Stelle das entsprechende Solo ab
Platte einspielen können, so einfallslos kopiert
sich der gute Mann selbst. Eine Entwicklung, wie
sie bei anderen namhaften Gitarristen über die
Jahre zu verfolgen ist, ist bei ihm nicht
festzustellen. Von einem Sologitarristen in der
Sparte Blues-Rock erwartet man alles andere als
ein Rezitieren seiner auf Platten festgehaltenen
Soli. Die Improvisationen sollen von Konzert zu
Konzert differieren; sie leben von der Spontaneität
und Phantasie des Solisten. Davon war bei Alvin
Lee in Winterthur jedoch nichts zu spüren.
Rechnung geht vorläufig
auf...
Es ist klar, Alvin Lee ist
den Weg des geringsten Widerstands gegangen. Ein
Musiker von seinem Format hätte es nicht nötig,
mit zweitklassigen Musikern einen zweitklassigen
Aufguss seiner ehemaligen Erfolgsband dem Publikum
vorzusetzen. Dass er nach zum Teil hervorragenden
TYA-Alben auch zu anderem fähig wäre, hat er mit
seinen beiden ersten Soloalben „On The Road To
Freedom“ und „In Flight“ eindrücklich
bewiesen. Und an Konzerten mit Leuten wie Mel
Collins, Tim Hinkley und Ian Wallace hat er
gezeigt, dass es auch ohne TYA-Abklatsch und „I’m
Going Home“ geht. Aber warum sollte sich Alvin
Lee anstrengen, von Grund auf mit etwas Neuem zu
beginnen, solange er ohne grosse Anstrengung noch
weit besser von seinem Ruf als Woodstock-Legende
leben kann? Diese Rechnung mag vorläufig
aufgehen, denn das Publikum ist neu und will jene
Leute sehen, die Woodstock-Mythos damals gezimmert
haben. Aber spätestens nachdem es Alvin Lee &
Ten Years Later zum zweiten Mal gesehen hat, wird
auch das Publikum die Masche durchschauen. So wird
Alvin Lee, wenn er sich in der Zwischenzeit nicht
etwas einfallen lässt, nach drei bis vier Jahren
wieder so plötzlich von der Bildfläche
verschwinden wie er wieder aufgetaucht ist.
H. Raymonda
INTERVIEW
MIT ALVIN LEE, MICK HAWKSWORTH UND TOM COMPTON:
TYL
Am Tag nach dem Konzert traf
ich Alvin Lee, Mick Hawksworth und Tom Compton im
Restaurant ihres Hotels. Wohl keiner von den
restlichen Gästen ahnte, dass sich in ihrer Mitte
eine „wandelnde Rocklegende“ befand, Bier
trank und mit seinen Musikern und Crew- Leuten
Witze riss. Das Interview fing völlig verkehrt
an. Für diesmal wurde der Spiess umgedreht und
ich befand mich, ehe ich mich versah, inmitten
eines Kreuzfeuers von Fragen über meine Kamera ,
mein Tonbandgerät und weiss ich was. Nach viel
Gelächter allerseits war es dann an mir, ein paar
Fragen zu stellen. Wir kamen zuerst auf das
Konzert des Vorabends zu sprechen in.
Alvin: Das Konzert hat uns mächtig
aufgestellt. Es
was ein einmaliges Gefühl, auf einer Strasse zu
spielen. Ich sah Leute in den Fenstern stehen und
zuschauen, und da hat sogar einer die Haare
gewaschen und anschliessend im Takt gekämmt! Es
war erste Mal, dass wir als Strassenmusikanten
spielten!
Music Scene: Die Aufgestelltheit hat sich
offensichtlich auf das Publikum übertragen.
Alvin: Ja, wie manche Zugabe mussten
wir*** ? Ich weiss
nicht mehr, aber ich glaube, das lag daran, dass
die Cimerons nicht gespielt haben und die Leute
einfach nicht nach Hause gehen wollten. Aber die
Zugaben wurden verlangt, sogar als es anfing zu
regnen. Great! Man sollte mehr dieser
Strassenkonzerte
machen. Next year auf der Autobahn, huh?
Music Scene: War der Eintritt***
ein wenig günstiger
als an an*** grossen
Konzerten.
Alvin Lee: verschmitzt grinsend:
Na also, ich ***ete
JEDERMANN mit den Preisen! Ich glaube, wir waren
eine gute Vor-, Haupt- und Dessert-Gruppe. Wir
konnten auf diese Art viel mehr Stücke spielen
als sonst, wir haben auch gleich ein paar Neue
gemacht. Zum Beispiel die erste Nummer: noch
keiner von uns hat sie jemals gehört. Ich fing
mit etwas an und dachte hej, daraus kann man etwas
machen.
Music Scene: Entstehen auf diese Art eure
Songs?
Alvin Lee: Ja, zum Teil. Wir nehmen alle
Konzerte auf Kassetten auf und hören uns dann die
Improvisation später an. Das Problem ist nur,
dass sich ein riesiger Berg von Kassetten
aufstapelt, den wir dann „durchpflügen“ müssen. Mick Hawksworth: Es ist das
einzige Mal, dass man sich selbst hört. Wir
merken dann oft, dass wir ein Stück zu stark in
die Länge gezogen haben, und schneiden es dann
beim nächsten Mal so zusammen, dass die Höhepunkte
noch da sind, aber nicht unnötige Zeit
verplempert wird.
Music Scene: Kritiker kreiden dir an, dass
du immer die selbe Musik ohne Weiterentwicklung
gemacht hast.
Alvin Lee:
Dein Pulli ist zu gross
(allgemeines Gelächter). Ich meine, es ist
einfach, in der stillen Stube eine gute oder
schlechte Kritik loszulassen, ohne sich dabei um
die Meinung derer zu kümmern, die an die Konzerte
kommen oder die Platten kaufen. Die Musik hat sich
entwickelt, aber ich spiele deshalb heute keine
radikal andere Musik als in früheren Zeiten. Wir
spielen die Musik für das Publikum, und wenn das
Publikum nicht „abfährt“, würden wir das
sofort merken. Ich habe andere Musik gemacht, aber
mit „Energy Rock ´n´ Roll“ gibt es eine gute
Rückkopplung seitens des Publikums. Wenn man
ruhige Musik spielt, wird auch das geschätzt,
aber diese Energie kommt nicht vom Publikum zurück,
und schliesslich ist das unser „Gewinn“ von
Konzerten. Wir tun, was wir am besten können!
Music Scene: Was passierte mit den TYA
Leuten? Spielen sie in anderen Gruppen?
Alvin Lee: Nein, sie haben alle aufgehört.
Auf jeden Fall sind sie nicht mehr „on the road“.
Man kann nicht gut immer unterwegs sein und
gleichzeitig eine Familie haben. Sonst kommt man
eines Tages nach Hause, und man hat eben keine
Familie mehr. Ich weiss nicht, ob sie
Studiomusiker geworden sind, ich habe kaum noch
Kontakt mit ihnen gehabt.
Music Scene: Hat das et was mit dem
Auseinandergehen der TYA zu tun?
Alvin Lee: Wir gingen eine Weile vor der
Trennung auseinander, aber wollten das uns selbst
nicht zugeben. Niemandem machte es mehr Spass, und
die Energie fing sich an aufzulösen, obwohl wir
immer mehr Energie, schaffen wollten. Darum haben
wir (mit einem Grinsen und einem Seitenblick auf
Bassist und Drummer) das junge Blut hier!
Music Scene: Was passierte in den Jahren
zwischen Ten Years After und Ten Years Later?
Alvin Lee: Ich suchte neue Musiker...
Music Scene: ...man kann
nicht sagen, dass sich der Aufwand nicht gelohnt
hat, aber 3 Jahre suchen?
Tom Compton: Ich habe mein Telefon nie
abgenommen!
Alvin Lee: Nein, Ich habe in dieser Zeit
eine Menge Aufnahmen mit einer Menge Musiker
gemacht. Ich wollte etwas Heisses, Dampfendes machen. Aber die Musiker waren zu gut; wir
spielten, das Resultat war exzellent, aber eben
weder heiss noch dampfend.
Zu seriös, kein Punch.
Music Scene: Warst du müde vom ewigen
Auftreten?
Alvin Lee:
Im
Gegenteil, ich sehnte mich danach! Ich hatte aber
keine Band, meine Verträge waren damals in
Unordnung, und es gab Zeiten, da wünschte ich
mir, in einem Hotel zu sein und mich auf ein
Konzert, vorzubereiten. Aber ich wusste, dass es
mindestens ein Jahr dauern würde, bis alles
organisiert sein würde.
Music Scene: Hast du dein Studio in dieser
Zeit aufgemacht?
Alvin Lee: Nein, das war bereits vor
sieben Jahren. Das Studio war eine Riesenhilfe
beim Realisieren einer ganzen Reihe von Projekten.
Meine letzten LP’s sind allesamt dort
aufgenommen worden.
Music Scene: Wie heisst das Studio, und
wer hat ausser
euch dort aufgenommen?
Alvin Lee: „Space Studio“ ist der
Name. Es ist völlig privat, ich vermiete es
nicht. Wir üben darin; ein ganzes Jahr hatten wir
alles, was gestern auf der Bühne stand, im
Studio. Eine Reihe Songs, die beim Üben
entstanden, sind dann auch auf Platten
herausgekommen. Ich vergesse immer, welche Stücke
auf welcher LP ist, so kommt es vor, dass ich an
einem Konzert sage: wir spielen ein Stück von
unserem neuen Album, dabei ist es uralt. Es hat
also keinen Zweck, mich nach Titeln zu fragen.
Music Scene: Eure LP „Ride On“
verkauft sich in der Schweiz mindestens sehr gut.
Ist ein neuer Trend in Richtung Blues-Rock da?
Alvin Lee: Oh, das wusste ich nicht, wir
verfolgen die Verkaufszahlen nicht so. Aber das
mit dem Trend mag wohl sein. An allen grossen
Festivals sieht man Gruppen wie Queen und Genesis
mit fantastischen Licht- und Effektproduktionen,
aber man wird abgestumpft davon und bekommt genug.
Gruppen wie wir oder Rory Gallagher mit
Drei-Mann-Besetzungen hatten die grössten Erfolge
kürzlich in Saarbrücken. Was wir machen, ist
eben pure Musik ohne Explosionen oder Rauch oder
sonst was. Die einfachen Konzerte haben viel mehr
Effekt als die grossen Shows. New Wave hat auch
das Seine dazu getan. Die Leute gehen an
New–Wave–Konzerte und realisieren, dass es
sich eigentlich um Rock ´n´ Roll in einer rauhen
Form handelt.
Tom Compton: Es erinnert die Leute wieder
daran, dass es so etwas wie Energie auf der Bühne
geben kann.
Alvin Lee: Die Energie ist wohl da bei
New Wave, aber wenn es um Technik und Finessen
geht, ist nichts da, und wenn ein Solo kommen
sollte, kommt es eben nicht richtig. Es sind
jedoch fast durchgehend junge Leute, und sie
werden immer besser.
Music Scene: Ein Vorteil ist doch sicher,
dass die Plattenfirmen wieder neue Gruppen
„entdecken“ und somit etwas in der Szene
passiert.
Alvin Lee: Es passiert schon etwas. Die
Gruppen haben guten Produzenten, einen guten
Plattensound, aber wenn man sie dann live hört,
fehlen eben diese 16-Mann-Chöre und die 6
Snare-Drums und alles andere Gekünstelte. Aber es
ist auch Musik, die gehört wird. Und es ist
wichtig, dass etwas gemacht und auch gehört wird.
Deshalb bedanke ich mich immer beim Publikum für
ihr Erscheinen, ob sie nun wegen uns oder wegen
einer anderen Gruppe gekommen sind. Sie sind es,
die die Musik am Leben erhalten, ob sie nun
finden, dass diese oder jene Gruppe die Beste sei.
Music Scene: Aus welchem Grund wurde „Going
Home“ in vier verschiedenen Versionen
herausgebracht?
Alvin Lee: Tja, eines der Albums war
live, und live ohne „Going Home“ wäre eben
nicht vollständig. Auf dem Woodstock-Album waren
nicht wir bei der Auswahl dabei. Die anderen
Aufnahmen sollen zeigen, wie sich das Stück
entwickelt hat. Es verliert immer etwas, gewinnt
aber andererseits wieder dazu. Es ändert sich ständig.
Am Anfang war es ein Jazz-mässiges Stück.
Music Scene: Hat sich das Gefühl hinter
dem Stück verändert, oder besteht es überhaupt
noch?
Alvin Lee:
Für mich hat es langsam,
aber stetig geändert. Ich weiss nicht, ob das
ausser mir jemand feststellen kann. In einem
gewissen Sinn
ist es immer wieder ein neues Stück. Wir haben
den Rock ´n´ Roll-Teil mit uralten Rock-Stücken
angehängt. Der kam gestern früher als sonst! Es
ist nichts an ein Schema gebunden, die
Drei-Mann-Formation ermöglicht ein stetiges Ändern
ohne vorherige grosse Absprachen, Das Stück ist
unorganisiert. Es ist zwar grundsätzlich
arrangiert, aber wenn ich mich zu irgendwelchen
neuen Läufen entscheide, kommt eben bereits eine
neue Version heraus! Was „ Gefühl“
anbetrifft, was wir nicht haben, können wir dem
Publikum nicht geben und echt spielen können wir
nur dann, wenn die Reaktion der Leute uns zeigt,
dass wir ihnen das Richtige geben. Wenn das
Spielen einmal langweilig – für uns und das
Publikum – werden sollte, hören wir wohl
automatisch auf zu spielen.
Music Scene: Wieviele Teile hat das immens
grosse Schlagzeug?
Tom Compton: Bis gestern waren es 23 „Kübel“
und 13 Becken, glaube ich, aber da kamen die
netten Leute einer Firma an, die Becken herstellt,
und es dürften nun etwa 20 sein!
Music Scene: Braucht es so viele
Teile?
Alvin Lee: Er braucht sie nicht alle
gleichzeitig, das würde lächerlich tönen!
Tom Compton: Gewisse Toms brauche ich nur
im Schlagzeug-Solo, einige Teile brauche ich
weniger als andere, aber verwendet werden sie
alle!
Music Scene: Wir haben Gerüchte über ein
„Woodstock 2“ gehört. Was ist daran wahr?
Alvin Lee: Für mich ist Woodstock eine
gute Erinnerung. Wenn nun jemand hingeht und
dasselbe noch mal machen will, ist es für mich
nichts anderes als irgend ein anderes Festival.
Ich wurde wegen Woodstock 2 angefragt und
antwortete, dass wir mitmachen würden, wenn
irgend jemand Jimi Hendrix und Janis Joplin
auftreiben kann! Was es jetzt geben wird, sind
Erinnerungskonzerte, das ist alles.
Music Scene: Zurückschauend auf die zehn
Jahre seit Woodstock – gibt es bei dir das Gefühl
eines alternden Stars?
Alvin Lee: Kaum. Wenn mein Kinn noch ein
paar Zentimeter mehr durchhängt, werde ich mir
das überlegen. Natürlich wird man älter. Aber
solange der Drive immer noch da ist und die Leute
in den vorderen Reihen, die wir bei den Konzerten
sehen können, immer wieder dieselben jungen
Gesichter sind, gibt es für mich keine Veränderung.
Wenn wir einmal Mühe haben, Konzerte
„durchzuschleppen“, ist die Zeit gekommen, um
aufzuhören. Man überlegt sich zu wenig, dass vor
dem Rock die meisten Musiker, welche populär
waren, 40 Jahre und älter waren! Vielleicht
werden es bei uns nicht mehr 50,000 Zuschauer
sein, wenn wir einmal 50 sind, aber es wird immer
noch Arbeit geben.
Dave Th. Hutmacher
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